Blogblues

Ich quäle mich gerade mehr oder weniger zu diesen Zeilen. Ich habe im Moment absolut keinen Lust, zu bloggen. Warum? Es ist und bleibt wie auf jedem anderen Blog immer das gleiche: In Politik und Gesellschaft, der Wirtschaft ändern sich die Namen, die Missstände bleiben die selben. Es ändert sich kaum Etwas. Ich habe das Gefühl, über Alles schon geschrieben zu haben. Ich hatte die Hoffnung, am Anfang mit der GröNaZ neu starten zu können, aber reine Satire hat mich zu sehr eingeschränkt, auch hier ändern sich Stichworte, den Rest gab es schon, das gleiche Phänomen ist beim Postillon zu beobachten.

Auf anderen Plattformen sind ähnliche Dinge zu lesen. Wolfgang Michal von Carta fragt: Braucht es uns noch? Wenn ich ehrlich sein darf: Nein. Carta hat es in meinen Augen nie geschafft, eine eigene Identität aufzubauen. Mehrere Autoren, die sich teilweise untereinander nie getroffen haben, vielleicht auch unterschiedliche Vorstellungen haben, es ist ein unrunder zusammengewürfelter Haufen – es passt einfach nicht. Im Gegenteil, manche Autoren sind sich gar nicht grün, streiten sich in den Kommentaren. Ich selbst habe mich entschieden, meine Artikel Carta nicht mehr zur Verfügung zu stellen, weil ich mich nicht mehr mit den Kommentaren dort auseinander setzen möchte, gerade von sogenannten Co-Autoren. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.

Carta muss sich die Fragen stellen: Was ist unsere Identität? Was wollen wir überhaupt. Bis auf Texte von Wolfgang Michal werden derzeit vermeintlich gute Texte aus der Blogosphäre gesammelt und zweitverwertet. Dafür braucht es Carta nicht, Wolfgang wird seine Texte auch an anderer Stelle unterbringen. Jürgen nimmt nebenan noch einmal die Idee auf, nicht mehr auf die klassischen Medien zu verlinken, Stichwort Leistungsschutzrecht. Traurig aber wahr: In den letzten Monaten hat sich mein Leseverhalten verändert: Ich lese wieder mehr, fast ausschließlich die klassischen Medien, Blogs sind nur noch eine Randerscheinung. Dazu kommen Twitter und Google+.

Markus Beckedahl spricht auf netzpolitik.org von einem Vermarktungsdilemma. Seien wir auch hier einfach mal ehrlich: 99,9% aller Blogs in Deutschland wären froh, diese Einnahmen zu haben, auch nachdem der Vertrag mit Zeit-Online ausgelaufen ist. Das ist Jammern auf ganz hohem Niveau. Ich glaube, dass netzpolitik.org ein Back to the Roots gut tun würde. Ich persönlich kann mich an netzpolitik.org nicht einmal mehr reiben, wie es vielleicht in der Vergangenheit der Fall war. Es läuft unter ferner liefen. Markus, schreib was, bring mich zum Nachdenken, zum Weiterdenken meinetwegen auch zum Ärgern. Und kaufe einfach nicht so viele Artikel von Autoren ein, die man sonst nicht kennt, die mich nicht ansprechen. netzpolitik.org würde ein Schritt zurück, vielleicht sogar zwei Schritte, mehr als gut tun.

Funktionieren Blogs noch, gerade hier im überschaubaren deutschen Lande? Eher nicht. Fast alle Publikationen wirken nur noch wie Geister der vergangenen Weihnacht. Ausnahmen wird es immer geben, doch die Zeit der Blogosphäre ist vorbei. Die Kommunikation hat sich weitestgehend verschoben. Wir Blogger selbst kommunizieren über Twitter, Google+ oder Facebook. Oder treffen uns im realen Leben. Die Jugend ist fast schon einen Schritt weiter. Selbst die sozialen Medien gelten als uncool. Messenger werden genutzt, Facebook & Co. um Witzbilder zu verbreiten, Blogs müde belächelt. Blogs waren mal eine colle Sache. Ist es im Moment auch noch so? Ich weiß es nicht…

Autor: Christian Sickendieck

Hallo, mein Name ist Christian Sickendieck und hier wird über Gott und die Welt gebloggt. 2006 habe ich mit einem guten Freund zusammen F!XMBR gründet; F!XMBR war seinerzeits eines der meistgelesenen und -verlinkten Weblogs im deutsprachigen Internet. Nun also hier.

Nebenan: Twitter | Google+ | Me

3 Kommentare

  1. Vielen (vor allem deutschen) Seiten fehlt der Themenmix. Es ist der falsche Glaube, mit einem Thema immer etwas zu schreiben zu haben.

    Sieh dir Boing Boing an. Dort stehen neben kuriosen Fundstücken aus der Unendlichkeit des Webs auch Texte zu Snowden oder wissenschaftlichen Entdeckungen und Ergebnissen.

    Nur Politik ist frustrierend vielleicht sogar depressiv.

  2. Was für ein depressiver Artikel! Kann mich dem nicht anschließen: Probleme haben doch eigentlich nur jene Blogs, die „groß raus kommen“, also zum Online-Magazin werden wollen, aber nicht die Ressourcen dafür haben. Netzpolitik.org geht es da gar nicht mal so schlecht, da es offenbar viele Spenden gibt, die dich einiges zusammen bringen.

    „. Wir Blogger selbst kommunizieren über Twitter, Google+ oder Facebook.“

    Auf Twtter bekomme ich regelmäßig Links zu Blogartikeln, die Themen, die gerade im Schwange sind, vertiefen. (Beispiel: #orgastreik der Piraten belebte Twitter gute 24 Stunden – tags drauf erschienen viele Blogpostings mit differenzierten Beiträgen zu den aufgeworfenen Fragen).
    Mit 140 Zeichen ist nun mal keine echte Diskussion möglich, auf FB hab ich den Eindruck, die Leute beschränken sich mehrheitlich auf noch weniger bzw. betätigen allenfalls den Like-Button. Auf G+ war mal mehr los, aber nur selten entstehen tiefer schürfende Gespräche, wie ich sie unter Blogartikeln oft erlebe und genieße (damit ist es dann oft vorbei, wenn das Blog ZU ERFOLGREICH wird und die Massen strömen, auch in den Kommentaren).

    Bloggen als Teilhabe an öffentlichen Diskussionen sollte man m.E. nicht herunter schreiben, sondern eher ermuntern! Zum Beispiel durch eine Seite im eigenen Blog, die die „gern gelesenen“ anderen Blogs und deren Artikel zur Ansicht bringt (Beispiel).
    Und natürlich durch verstärktes Verlinken.

    „Blogblues“ ist ein wiederkehrendes Phänomen, gleichzeitig gibt es immer noch jede Menge Blogs und sogar Leute, die neu starten oder von den Massenhostern auf Selbsthosting umsteigen. Für mich sind Blogs kein „Ersatz“ für die Artikel der Mainstream-Medien, sondern eine andere Mediengattung: persönlicher, freier, authentischer – und insofern auch nötig und unverzichtbar.

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