Ein Vorbild deutscher Integrationspolitik

schwarze_hoffnung

Die erste steife Herbstbrise hatte Berlin voll im Griff. Kadir schlenderte durch die deutsche Hauptstadt, den Schal dicht ins Gesicht gezogen. Er war auf den Tag genau vor 35 Jahren, am 20. Oktober 2014, geboren worden. Er lächelte über die Ironie, die unsere Geschichte manchmal bereithält. Er dachte zurück an seine Kindheit, als er auf dem Schoß seines Vaters saß und der ihm davon erzählte, wie die Medien beifallklatschend über die Demonstrationen in Leipzig berichteten. Er sah die Tränen seines Vaters, der für seine Kinder das Leben in Anatolien aufgegeben hatte, damit Kadir und seine Geschwister es einmal besser haben würden. In Deutschland waren seine Eltern willkommen, galten sie doch als günstige Arbeitskräfte. Morgens wurden sie in die Fabriken transportiert, am Abend und am Wochenende sich selbst überlassen. Bis zu der Zeit, die Deutschland veränderte, bis zur Gründung der Partei. Kadir kaufte sich am Kiosk ein Croissant, achtete darauf, nicht sein Gesicht zu zeigen und sich mit perfektem Deutsch zu bedanken. Zu gefährlich war es für Menschen wie ihn, sich öffentlich zu zeigen.

Er sah kurz auf die größte deutsche Tageszeitung: Der “Kämpfer” war damals, nach dem großen Medienzusammenbruch, aus der prägendsten deutschen Boulevardzeitung und der damals wichtigsten deutschen konservativen Tageszeitung hervorgegangen, als 2025 die Partei “Deutschlands Alternative” mit ihrem charismatischen Vorsitzenden die Bundestagswahl mit absoluter Mehrheit gewann und die Regierungsgeschäfte übernahm. BH, wie der Vorsitzende innerhalb seiner Partei genannt wurde, war der strahlende Sieger eines Wahlkampfes, den Deutschland noch nie erlebt hatte: Im Wahlkampf machte die Partei mit Forderungen wie “Deutschland den Deutschen”, “Wir sind nicht das Weltsozialamt” und “Islam ist Krieg” Schlagzeilen. Anfangs belächelt von den etablierten Parteien und nicht ernst genommen, war der Erfolg überwältigend, dank der Unterstützung der Medien, insbesondere durch den “Kämpfer”. Quer durch alle Bevölkerungsschichten wurde die Partei mit dem Satz, “das wird man ja wohl noch sagen dürfen”, zum Wahlerfolg getragen. Als Kadirs Vater drei Jahre nach Machtübernahme seine Arbeitsstelle verlor, musste er nach Anatolien zurückkehren. Kadir dachte an die Tränen, die von seiner Familie beim Abschied am Flughafen vergossen wurden. Über die Ironie des Wortes “Lügenpresse” und den “Kämpfer” konnte in Deutschland niemand mehr lachen: Die Ausländer waren damals nur der Anfang.

Kadir hatte Glück, machte das Abitur und studierte deutsche Geschichte und Medienwissenschaften. Er dachte an seine Diplomarbeit: “Deutschlands Ausländerpolitik in Zeiten des Medienzusammenbruchs von 2019 bis 2027”. Es begann damals harmlos: Erst wurde Migranten die Stütze gestrichen, wie es im “Kämpfer” hieß, später weitere Maßnahmen gegen Ausländer und Sozialschmarotzer, wie selbst der neue Bundeskanzler die sozial Schwachen nannte, beschlossen. Als später die Kriminalitätsrate stieg, wurden Ausländer ohne Arbeitsstelle ausgewiesen, Deutschlands Grenzen geschlossen und mit Waffengewalt verteidigt. Kadir sah die Fotos der Lager vor sich, einer seiner Brüder war bei einem Fluchtversuch getötet worden, es machten Gerüchte über Vergewaltigungen durch die Wärter die Runde. Amnesty International und die UNO hatten gerade wieder die Deportationslager verurteilt, Kadir war es vorbehalten, die Erwiderung der Bundesregierung zu verfassen und zu veröffentlichen, nachdem er in den Staatsdienst eingetreten war. Er war ein Vorbild deutscher Integrationspolitik. Seine Homosexualität verbarg er, die Regenbogenflagge war vor 6 Jahren als familienfeindlich verboten worden. Deutschland war ein familienfreundliches Land geworden. Selbst die Kirche und ihre Vertreter goutierten dies.

Seine Karriere begann früh, sie ging stets steil bergauf. Dabei hatte er immer das große Ziel vor Augen. Er schloss sein Studium mit Auszeichnung ab und arbeitete später im Außenministerium als Referent in der Abteilung für internationale Zusammenarbeit. Seit kurzer Zeit war er Reichssekretär, wurde in Talkshows eingeladen, seine Stimme wurde gehört. Der größte Chefredakteur aller Zeiten, nannte ihn kurz vor dessen Tod den “Vorzeigedeutschen mit Migrationshintergrund”. “Wer will, der kann”, so die unzähligen Artikel im “Kämpfer”. Als Kadir das erste Mal sein Foto auf der Titelseite sah, las er die Glückwunschmails, der Außenminister schüttelte ihm die Hand und der Bundeskanzler lobte ihn in einer Rede im Reichstagsgebäude. Am Abend übergab er sich und konnte die ganze Nacht kaum schlafen. Um die Aufregung zu lindern, kochte seine Frau einen Kamillentee, nahm ihren geliebten Mann in den Arm und war unsagbar stolz auf ihren Helden. Die Augen leuchteten. Kadir hatte es trotz seines Namens und seiner Herkunft geschafft. Doch er wollte mehr.

Er musste einen Umweg nehmen, mal wieder wurde in Berlin demonstriert. Er hörte die Schlachtrufe: “Deutschland den Deutschen, Ausländer raus”. Die Demonstrationen wurden vom Familien- und Innenministerium gefördert, der “Kämpfer” titelte: “Deutsche! Nehmt teil!”: Als er 22 Jahre alt war, traf er in seiner Freizeit auf Mitglieder der “Alternativen Jugend”, die Nachwuchsorganisation von “Deutschlands Alternative”. Den Studenten- und Parteiausweis hatte er in der Universität vergessen. Seine Beschützer bekamen eine Belobigung, er wurde ermahnt, immer seinen Ausweis mit sich zu führen. Dies war der einzige schwarze Fleck in seiner weißen und vorbildhaften Akte. Noch heute schmerzte sein Knie bei jedem Wetterumschwung.

Mit 20 Jahren trat er damals in die Partei ein, das erste deutsche Parteimitglied mit Migrationshuntergrund. Der “Kämpfer” führte ein Interview mit ihm und veröffentlichte die Hassmails, die er von seinen Landsleuten bekam, zwei Cousins wurden wegen Volksverhetzung verurteilt und ausgewiesen: Er bekam nie wieder Nachrichten von ihnen, sein Land ließ es nicht zu, dass Volkshelden beleidigt und bedroht wurden. Kurze Zeit später gewannen die Alliierten mit Deutschland, den USA und Großbritannien an der Spitze den Krieg gegen den Iran. Die christliche Wertegemeinschaft hatte über den dunklen Islam obsiegt. Die Welt war wieder ein stückweit sicherer und christlicher geworden. Der Papst dankte in seiner Osteransprache und erteilte für die notwendigen Kriegsverbrechen Absolution. Die Gewinner schrieben Geschichte.

Kadir schaute gen Himmel, genoss das Bild der vorbeiziehenden Wolken, und dachte an seine deutsche Frau und seine deutschen Kinder. Als sein Sohn auf den Namen Josef getauft wurde, brach sein Vater den Kontakt mit ihm ab. Kadir sah die Vorteile, konnte es seiner Karriere doch schaden, wenn man ihm zu viel Kontakt in ein muslimisches Land nachweisen konnte. Die Nachricht über den Tod seiner Mutter erreichte ihn ein Jahr nach ihrer Beerdigung. Kadir ging am darauffolgenden Tag in die Kirche und betete gemeinsam mit dem Pfarrer, der ihn nach dem Ablegen des muslimischen Glaubens getauft hatte. Die Kirche war ein Hort der Zuflucht für ihn geworden.

Er kam an einer Buchhandlung vorbei und atmete tief durch, im Augenwinkel sah er den neuesten politischen Bestseller. Der Chefredakteure des “Kämpfers” hatte gemeinsam mit dem Innenminister einen neuen Bestseller geschrieben: “Das Leitkultur-Komplott. Wie wir um unsere Zukunft gebracht werden. Warum wir weiter kämpfen müssen.”. Ein Kapitel handelt von erfolgreichen Deutschen mit Migrationshintergrund. Auch er war für das Buch interviewt worden, die Antworten hatte er vor dem Gespräch auswendig gelernt. Als er am Abend mit dem Chefredakteur Essen ging, bestellte er Schweinesteak und formulierte im Auftrag der Reichsregierung die Schlagzeilen des nächsten Tages. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Im Bett liegend fühlte er sich gesättigt.

Kadir sah das neue Reichskanzleramt, er war seinem Ziel nun sehr nahe. Die Pressemeute wartete bereits und sah überrascht, dass er zu Fuß kam und stürmte auf ihn zu. Auch die Sicherheitskräfte sahen ihn und zogen ihn schnell beiseite. Sie schleusten ihn vorbei an den Sicherheitskontrollen ins Gebäude und befahlen ihm, zu warten. Sein Plan war aufgegangen. Dann traf er das erste Mal persönlich den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten. Die Pressekonferenz war bis ins kleinste Detail vorbereitet, die drei Hauptpersonen des heutigen Tages traten gut gelaunt vor die Journalisten. Der Bundeskanzler lächelte, der Bundespräsident dankte Kadir für seinen Einsatz für das deutsche Vaterland und freute sich, ihm heute das Bundesverdienstkreuz verleihen zu dürfen. Kadir dachte an die Vergangenheit und die Zukunft, er lächelte zufrieden und fuhr mit der Hand unter sein Hemd. Er hatte sein Ziel erreicht. Er war eins mit sich selbst, seinem Leben, seiner Familie und seinem Land.

Freiheit für Deutschland.
Dann betätigte er den Auslöser seines Gürtels
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Autor: Christian Sickendieck

Hallo, mein Name ist Christian Sickendieck und hier wird über Gott und die Welt gebloggt. 2006 habe ich mit einem guten Freund zusammen F!XMBR gründet; F!XMBR war seinerzeits eines der meistgelesenen und -verlinkten Weblogs im deutsprachigen Internet. Nun also hier.

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