Was war nur schiefgelaufen?

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Die ersten Herbststürme erreichten Berlin. Innenminister Christopher Lauer saß in seinem Dienstwagen und wurde von seinem Chauffeur ins Schloss Bellevue gefahren. Lauer dachte zurück, an die letzten Jahre, den Kampf, Erfolge und Niederlagen. Er lächelte: 22 Jahre waren es jetzt her, seit er und 14 weitere Mitstreiter in das Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen waren. Politische Sensation wurde es damals genannt, eine Protestwahl, eine Eintagsfliege. Doch die Piraten hatten alle Kritiker Lügen gestraft. 2017 erreichten sie bei der Bundestagswahl sensationelle 5,4%, in den Jahren zuvor waren sie mehrfach totgeschrieben worden, nun zogen in den Deutschen  Bundestag ein. Die gleichen Experten, die in den Jahren zuvor die Piraten als Chaostruppe bezeichnet hatten, erklärten im Oktober 2017 warum die Piraten die neue fünfte Kraft im Parteienspektrum seien, nachdem die FDP endgültig pulverisiert wurde. Nach Lauers Karriere in Berlin sollte nun seine große Bundestagskarriere beginnen.

Noch vor der Bundestagswahl 2017 wurde Lauer zum Vorsitzenden der Piratenpartei gewählt. Der Erfolg in Berlin, seine Auftritte in den Medien und seine Arbeit als Berliner Parteichef ließen den Piraten keine andere Wahl. 2016 riefen die Piraten Lauer als Spitzenkandidaten zur nächsten Bundestagswahl aus. Die damalige Favoritin, Marina Weisband, kehrte in die Ukraine zurück um dort die Opposition zu unterstützen, Lauers Kandidatur wurde von allen Flügeln, Spackeria und Aluhüte, links und rechts, konservativ und liberal unterstützt. Ende des Jahres war er Fraktionsvorsitzender der größten Oppositionspartei im Deutschen Bundestag, eine große Koalition unter Bundeskanzlerin Ursula von der Leyen regierte das Land.

Noch heute wusste Lauer, was er am 23. Mai 2022 getan hatte – wie jeder andere Mensch in Deutschland auch. Der Tag des Anschlags. Er war früh am Morgen aufgestanden um in die Redaktion der Bild-Zeitung zu eilen. Ein Interviewtermin stand an, neue Sicherheitsgesetze sollten verabschiedet werden, die Piratenpartei protestierte lauthals. Gegen 09.30h klingelte sein Telefon: Kurz zuvor war in Berlin eine Bombe explodiert. Ein Selbstmordattentäter, der sich später selbst als Sohn Anders Behring Breiviks bezeichnete,  hatte vor dem Deutschen Bundestag zwei Schülergruppen und 100 weitere Menschen in den Tod gerissen.

“Die Nation steht solidarisch an der Seite der Opfer und Hinterbliebenen”, so Lauer in seiner Rede im Deutschen Bundestag, bevor die Piraten den neuen Sicherheitsgesetzen unter Federführung Lauers zustimmten. Er musste viel innerhalb der eigenen Partei kämpfen und lächelte, als er daran dachte, wie er die Gesetze unter dem Schlagwort “semi-transparente Speicherung von Nutzerdaten zur Verhinderung von Terroranschlägen” verkaufte. “In einer Demokratie” müsse man nicht nur “Verantwortung übernehmen”, sondern auch “Kompromisse schließen”, so Lauer auf einem außerordentlichen Parteitag der Piratenpartei.

Die Öffentlichkeit honorierte dies. 2029 wurden die Piraten in Regierungsverantwortung gewählt. Lauer wurde Innenminister, er stand im Zenit seiner Macht. Seine erste Bewährungsprobe folgte zwei Monate später: In Berlin fand das Innenministertreffen der EU-Staaten statt. Christopher Lauer tat seinen Job, wie er es immer getan hatte: Journalisten wurden durchleuchtet, das Regierungsviertel weiträumig abgesperrt, Demonstrationen verboten, Verdächtige proaktiv überwacht. Lauer musste sich kurzzeitig Kritik aus den eigenen Reihen gefallen lassen, als Sicherheitsbehörden die Zentrale der Jungen Piraten durchsuchten. Der Verdacht der “Störung der öffentlichen Ruhe” erhärtete sich nicht, jedoch wurden auch Datenträger mit mehreren Raubkopien in der Zentrale der JuPis gefunden. Wieder hatte Lauer die Presse und Kommentatoren auf seiner Seite. Die Bild-Zeitung nannte ihn an dem Tag “Felix – der Glückliche”.

Lauer hatte all die Jahre seine Piraten fest im Griff. Er brauchte nur mit Machtverlust argumentieren, die Piraten würden aufgrund der negativen Berichterstattung ihre Posten verlieren und schon wurde in seinem Sinne entschieden. Er war sich sicher, das Richtige zu tun. Für Ideologie war bei ihm kein Platz. 2032 stimmten alle im Bundestag vertretenen Parteien einer Änderung des Grundgesetzes zu. In der Folge wurden viele Sicherheitsgesetze beschlossen. Am selben Tag, als das Gesetz zur “Neureglung der verdachtsunabhängigen Mindestspeicherfrist” verabschiedet wurde, trat Lauer auf der Frankfurter Buchmesse auf und stellte die Biographie Ursula von der Leyens vor. Man mochte und schätzte sich.

Dann folgten die Bundestagswahlen diesen Jahres. Sie endeten mit einem Erdrutschsieg der SPD und ihres neuen Juniorpartners, der wieder auferstandenen FDP. Eine sozial-liberale Koalition wurde ausgerufen. Die Piraten schafften gerade noch den erneuten Einzug in den Bundestag – allerdings verloren sie knapp 75% ihrer Wählerinnen und Wähler. Ein Desaster, wie es die Parteiengeschichte in Deutschland noch nie erlebt hatte. Noch am Wahlabend trat Lauer als Vorsitzender der Piratenpartei zurück. Jetzt stieg er aus seinem Dienstfahrzeug – um gleich von der Bundespräsidentin seine Entlassungsurkunde überreicht zu bekommen.

Was war nur schiefgelaufen?

Autor: Christian Sickendieck

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