Weltfremd und entrückt

Vorab: Ich werde mich nicht von Gewalt distanzieren, da dies für mich selbstverständlich ist.

Ich habe in den letzten Tagen viele Gespräche geführt. Mit meinen türkischen Nachbarn, mit der älteren Dame aus dem Kiosk, mit Arbeitskollegen aus allen Richtungen. In allen Gesprächen stand eine Frage im Mittelpunkt, die niemand beantworten konnte: Wie kann man einen G20-Gipfel in Hamburg stattfinden lassen?

Diese Frage konnte bisher nicht beantwortet werden, ich habe keine erhalten, und selbst keine gefunden. Im Regelfall bekam ich immer den gleichen Satz zu hören: Wie kann man nur so dumm sein, wobei das Adjektiv in den unterschiedlichsten, auch heftigeren, Formen genutzt wurde. Olaf Scholz, Erster Bürgermeister unserer Stadt, beantwortete diese Frage in einem Interview vor zwei Tagen, nachdem bereits die Strategie der Polizei klar ersichtlich wurde, dass Hamburg ein “schöner Ort”  und man “stolz” sei. Zum weiteren Verständnis für Nicht-Hamburger: Der Veranstaltungsort, die Messehallen, liegt direkt neben der Roten Flora, St. Pauli und der Schanze, unseren linksalternativen Stadtteilen.

Das Interview mit Olaf Scholz ist entlarvend. Der Erste Bürgermeister spricht davon, dass man (Politik und Polizei) über 30 Versammlungen und Demonstrationen “zugelassen” habe. Als Antwort darauf Heribert Prantl, SZ: Das Versammlungs- und Demonstrationsrecht ist ein Grundrecht, kein Gnadenrecht. Es gilt, so sagen es die Verfassungsrechtler, als Indikator für die Reife einer Demokratie. Wenn man sieht, wie Protestcamps verboten, wie Kritik im weiten Umkreis des Gipfels verbannt wird – dann muss man feststellen, dass es mit der Reife der Demokratie womöglich nicht so weit her ist.

Ich glaube, dass Olaf Scholz als ein Abziehbild eines typischen Politikers gelten kann, der seit wenigen Jahren weltweit zu Verwerfungen und gesellschaftlichen Verschiebungen führt. In jedem Interview, in jeder Entscheidung manifestiert sich eine Weltfremdheit, eine Entrücktheit von der Realität, von den Menschen; die Menschen selbst schütteln im Optimalfall nur noch mit dem Kopf. An der Wahlurne manifestiert sich dieses Verhalten dann mit der Wahl Trumps, dem Brexit, Wilders in den Niederlanden, in Frankreich würden wir über eine Präsidentin Le Pen sprechen, hätte sich Macron nicht perfekt als Alternative inszeniert. Und diese Weltfremdheit zeigt sich übrigens in einer kleinen Anekdote abseits des G20-Gipfels: Für Joachim Sauer, Ehemann der Kanzlerin, Melania Trump und anderen Gästen war eine Hafenrundfahrt geplant. Diese konnte bisher aufgrund der Proteste nicht angetreten werden. Es stellt sich die gleiche Frage: Wie kann man auf so eine Idee kommen?

Ein G20-Gipfel bietet die Möglichkeit, auch auf der Straße seinen Unmut, sein Unverständnis kund zu tun. Dass eine solche Veranstaltung auch Gewalttäter anzieht ist nicht überraschend, auch eine Antwort, die ich in meinen Gesprächen oft bekam: “Mich überrascht das nicht, das war doch abzusehen”. Man kann sicherlich darüber diskutieren, wer die Eskalation zu verantworten hat, Polizei (auf Anweisung der Innenbehörde) – oder Demonstranten. Ich denke aber, dass die grundsätzlich Verantwortung an anderer Stelle liegt: Bei der weltfremden und entrückten Politik, den den Menschen nur noch als Bittsteller ansieht, oder verächtlich auf ihn herabblickt.

Autor: Christian Sickendieck

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